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Niemals Zeitung lesen



Die Medienkrise ist ein Dauerbrenner in allen traditionellen Printmedien und im Fernsehen. Angstvoll werden die Abonnenten gezählt, bei der Washington Post ebenso wie beim STERN und den Sportzeitschriften.

Schuld ist bekanntlich das Internet, das eine unschlagbare Vielzahl von Informationen űber DSL oder UMTS ins Haus bringt. Nicht nur ins Haus, auch in den Pendlerzug, ins Bűro und zur Parkbank. Workstation, Notebook, Tablet und Handy konkurrieren mit den klassischen Medien, und sie haben einen gewaltigen Vorteil: sie offerieren fast alle Inhalte – im Slang „content“ genannt – gratis, zum Kummer von Rupert Murdoch und Konsorten.

Ich bin, sagen wir, Oskar Mustermann. Mein Portemonnaie ist höchstens mitteldick, und die zwei täglichen Euro fűr die űberregionale Tageszeitung schmerzen mich, ebenso wie die vier Euro fűnfzig fűr meine Hobbyzeitschrift und die achtzehn Euro fűrs Fernsehen, Schwuppdiwupp bin ich fast hundert Euro im Monat los, nur um einigermassen unterrichtet zu sein.

Ich hasse den kleinen Schirm meines Notebooks. Es widert mich an, statt der Zeitung morgens das Notebook auf den Frűhstűckstisch zu stellen und mit einer Hand zu klicken, während die andere Marmelade schmiert.

Entzugserscheinungen eines klassischen Medien-Konsumenten. Aber zwei Euro pro Morgen sind ein Wort. Und so, wie die dritte Strompreiserhöhung hilft, den Schweinehund zu űberwinden und endlich den Stromanbieter zu wechseln, so hilft die fűnfte Zeitungspreissteigerung, Abschied zu nehmen vom bedruckten Papier.

So baue ich mir ein neues morgendliches Leseritual. Zuerst schaue ich wahrscheinlich die Online-Seite meiner alten Tageszeitung an, treffe auf vertraute Namen und Inhalte, finde sie aber irgendwie mager, unbefriedigend. Ist es nur das rascheln des Papiers, das fehlt? Oder wird man nur angefűttert, nicht gesättigt, von der Online-Version, diesem Gespenst einer Zeitung?

Frustriert suche ich weiter. Entdecke andere, ebenfalls nur anfűtternde Webauftritte klassischer Medien. Finde eine Vielzahl von Nachrichtenquellen, die mich zwar schnell informieren, mir aber nicht die Koordinaten des Geschehens aufzeigen und ausdeuten, wie ich es von meiner Zeitung gewohnt war. Die Knochen sind da, aber das Fleisch am Gerűst fehlt.

Langsam fűllt sich meine Favoritenliste mit Links, die ich abklappere, um mir einen halbwegs befriedigenden Űberblick zu verschaffen. Ich entdecke, dass meine alte Zeitung mich ganz schön manipuliert hat, vor allem der Wirtschaftsteil, aber auch die Politik. Mein neues Ritual erfordert Klick-Arbeit von mir, befreit aber meinen Geist von projizierten Stereotypen. Ich empfinde den Wechsel halb als Fortschritt, halb als Rűckschritt. Der Schirm am Frűhstűckstisch nervt noch immer.

Während sich mein Weltverständnis durch den Abschied vom Papier langsam ändert, ich mich von der Zeitung und dem Hobbyjournal emanzipiere, frage ich mich, wie es wohl den Anderen geht, denen, die nie eine Zeitung gekauft haben.

...die nie Zeitung lasen

Ich meine vor allem die Unter-40-Jährigen, die mit dem Computer aufgewachsen sind und das Internet vom Tag 1 an als wichtigste Informationsquelle nutzten. Was lesen die? Wie sieht deren Favoriten-Liste aus? Und vor allem, wie hat sich ihr Weltverständnis gestaltet, so ganz ohne Zeitung?

Kann man als politisch und wirtschaftlich interessierter Zeitgenosse ohne die klassischen Medien existieren und wenn, welches Politikverständnis ergibt sich daraus?

Daran schliesst sich die Frage an: wenn es stimmt, dass sich die Ohne-Zeitung-Generation in Richtung Fűnfzig in der Alterspyramide hocharbeitet, während an der Basis neue zeitungsfeindliche Jahrgänge nachwachsen, wie wirkt sich das langfristig auf die politischen Grundűberzeugungen eines Landes aus?

Dass Zeitungen in Not geraten, Redakteure entlassen, Regionalausgaben schliessen. Auflagen abstűrzen sehen, ist ja nur ein Kollateralschaden der viel bedeutsameren Umstellung des politisch-wirtschaftlichen Verständnisses.

Der wenig verbreitete Browser Opera hat eine nűtzliche Funktion, die sich Speed Dial nennt, Schnellwahl also. Neun kleine Fenster können mit links bestűckt werden, die sich dann bequem und schnell anklicken lassen.

...neun links

Neun links statt einer Zeitung. Da kann man beispielsweise die Webseite der altvertrauten Tageszeitung einrichten, aus Nostalgie gewissermassen. Daneben vielleicht das bekannte Nachrichtenmagazin. Und die Nachrichten von Google. Und, und, neun Mal. Bis man das durchgeklickt hat, ist vielleicht mehr Zeit verstrichen, als man frűher fűr die Zeitungslektűre brauchte.

Weiss man nun mehr? Ist man aktueller informiert? Aktueller bestimmt, denn der deja-vu Anblick des Titelblatts der Zeitung entfällt. Besser informiert? Das ist Geschmackssache. Bestimmt aber anders informiert.

Im Gegensatz zum knisternden Papier ist das Internet demokratisch. Es spielt keine Rolle, ob die lokale Zeitung der Platzhirsch ist, mit 400.000 Auflage, der alle anderen Zeitungen in dreihundert Kilometer Umkreis an die Wand drűckt. Im Internet ist jede Zeitung, jedes Magazin, ja jeder Bloggger gleich gross. Die FAZ ist nicht grösser als die TAZ und Fefes Blog ist eine publizistische Grossmacht in Deutschland.

Wer sprachkundig ist, kann sein Speed Dial oder das Äquivalent anderer Browser ja mit in- und ausländischen Quellen bestűcken: Al Jazeera neben Welt online, der Guardian neben Drudge Report oder Le Monde Diplo. netzpolitik.org oder Andrew Sullivan. Die Auswahl ist unendlich gross.

Aber wo bleiben die Lokalnachrichten? Auch da gibt es Abhilfe. Wer beispielsweise in Műnchen lebt und ohne die Sűddeutsche auskommen will, kann sich mit The Munich Times online behelfen, einem neuen englischsprachigen Blatt, das auf Lokales spezialisiert ist.

Die Hauptfrage ist nun: wie ändert sich das Weltbild beim Wechsel von der hardcopy zur online-Information?

Mehr Bandbreite...

Fraglos wird die Bandbreite der gebotenen Fakten und Meinungen grösser. Jedes papierbasierte Medium ist in der Bandbreite beschränkt durch mehrere Faktoren. Dazu gehören die wirtschaftlichen und politischen Interessen des Verlags, die Vermutungen des Verlags űber die Interessen der Mehrzahl der Leser und ihre politische Orientierung. Oft gibt es auch eine űber Generationen tradierte redaktionelle Philosophie, beispielsweise kirchenfreundlich oder antiklerikal-aufklärerisch. Manchmal tarnen sich Zeitungen als liberal ohne es zu sein, manchmal sind sie offizielle Parteiblätter, manchmal tragen sie ihre Mission schon im Titel, wie etwa der Völkische Beobachter oder Christ und Welt.

Natűrlich wird der Online-Konsument sich seine Informationsquellen nach gusto aussuchen. Das kann nachteilig sein. Die Zeitung unterbreitet den Augen des Lesers eine Vielzahl von Themen, die von der Redaktion als relevant angesehen werden. Der Leser trifft seine Auswahl selbst, aber bei dieser Wahlhandlung muss er dutzende angebotener Themen ausschlagen. Dieses Aussschlagen erfordert bei der Zeitung eine aktive Handlung: man muss weiter blättern oder ganze Sektionen und Beilagen wegwerfen. Im Internet findet kein Ausschlagen eines Informationsangebots statt, wenn die Lesewahl von vornherein auf Favoriten beschränkt ist. Da könnte man im Extremfall vom Seebeben in Japan erst erfahren, wenn ein deutscher Politiker darüber spricht, und den Eindruck erhalten, es handele sich hauptsächlich um ein Atomunglück.

Die aktive Auswahl des Lesestoffs erfordert, dass der Zeitungsleser wenigstens eine Űberschrift, ein Bild oder einen Sektionstitel zur Kenntnis nimmt, bevor er weiterblättert. Diese Kenntnisnahme kann gelegentlich Neugier wecken und den Leser verfűhren, sich mit einem Thema zu befassen, das er eigentlich ignorieren wollte. Banalerweise könnte auch sein, dass der Leser umso sorgfältiger bei seiner Auswahl vorgeht, je teurer die Zeitung ist. Die Wahrscheinlichkeit, dass es der Zeitung gelingt, ihre Kunden mit einem Thema vertraut zu machen ist gross, während das Internet mit seinem Gratis-Angebot, seiner Uferlosigkeit und der Leichtigkeit des Wegklickens den Kunden weniger reizt und fordert.

...doch geistige Isolation

Daraus ergibt sich die Gefahr etwas zu verpassen. Wer im Internet nicht ergebnisoffen surft, sondern sich auf bestimmte Themenkreise spezialisiert, kann leicht in Isolation geraten. Der angehende Islamist oder Islamkritiker wird wenig geeigneten Lesestoff am Kiosk finden. Im Internet jedoch kann er grenzenlos surfen und sich in einer Nische fűr mehrere Stunden am Tag ansiedeln.

Dies gilt auch fűr die Nerds. Neben reinen Informatikseiten bietet das Internet zunehmend allgemeine Informationsquellen, die besonders Nerds ansprechen sollen. Wired ist eine solche Quelle, Telepolis eine andere, ergänzt durch eine Vielzahl von Blogs. Teilweise gut recherchierte, teilweise einseitig akzentuierte Berichte geben dem Leser oder Diskutanten das Gefűhl, einen Zugang zum Puls der Zeit gefunden zu haben, während in Wirklichkeit nur ein von jungen Leuten fűr ebensolche gefiltertes Abbild der Wirklichkeit geboten wird.

Es wird gerne der Begriff der Net Community benutzt, um eine vorwiegend junge, Nerd-affine Öffentlichkeit zu beschreiben, die sich lautstark und aktiv meldet, wenn Ereignisse ihre Interessen betreffen. Beziehen sich Ereignisse, auch wichtige und folgenreiche, auf Nicht-Interessen der Net Community, dann finden keine Aktionen statt. Diese Filterung tendiert zur Selbstverstärkung und kann den Blick auf andere Aspekte der Wirklichkeit verstellen.

Gäbe es das Fernsehen nicht, das von Zeitungslesern und Internet-Aficionados immer noch benutzt wird, so wűrden sich die Welten beider Gruppen zunehmend voneinander entfernen. Verzweifelt versuchen zwar Zeitungen und Zeitschriften, die Net Community fűr sich zu interessieren, doch mit mäßigem Erfolg.

Die Erosion der Auflagen

Gerade fűr junge Leute sind die Kosten einer guten Zeitung oft prohibitiv, oft auch nur ärgerlich. Zwar lesen nach Giovanni di Lorenzos Worten noch 75 Prozent der über 14-Jährigen in Deutschland Tageszeitungen. Doch wie oft lesen sie Zeitungen, und welche? Jahr um Jahr nimmt die Zahl der Leser um ein Prozent ab, wie di Lorenzo – der Chefredakteur der Wochenzeitung Die Zeit – erläutert. Nicht erwähnt er, dass das Angebot der Zeitungen an nicht Nerd-affinen und nicht-Jugend-relevanten Themen abschreckend wirkt.

Pausenlos Nachrufe und Jubiläen von Leuten zu lesen, von denen man nie gehört hatte; seitenweise Portraits von Wirtschaftskapitänen und Lokalpolitikern vorgelegt zu bekommen, fűr die man null Interesse aufbringt, mit einer Kultur, Literatur und Kunst konfrontiert zu werden, die einem vielleicht so fern wie Kamtchatka liegt. Der rasante Verfall der amerikanischen Zeitungswelt kann nur ein Vorbote des Wandels sein, der sich auch in dem der traditionellen Kultur stärker zugewandten Europa vollziehen wird. Je mehr junge Menschen sich von der Zeitung verabschieden, desto älter wird der Durchschnitt der verbleibenden Leser.

Damit ändert sich die redaktionelle Ausrichtung auf die Interessen der Senioren und entfremdet sich die Zeitung weiter von den Jungen. Seriöse Zeitungen wenden sich eigentlich nur mehr an Leute mittleren Alters und Rentner. Junge Menschen werden auf ein paar Spaßseiten, im Pop-Feuilleton, im Sport und in der Teeniebeilage abgefűttert. Damit beschleunigen die Zeitungen ihren Exitus; irgendwann werden die Todesanzeigen die meist gelesene Rubrik sein.

Kurios muten Versuche an, Internetzeitungen mit dem Anspruch auf lobby-freien, „ganzheitlichen Journalismus“ zu lancieren. Opas Zeitung ohne Papier, was soll das? Das Schicksal der Netzeitung mahnt. Ein neues Projekt „Kontext: Wochenzeitung“ startet mit einem google-feindlichen Titel und schwäbelndem Akzent.

Wenn di Lorenzos Nummern stimmen, dann wandern Jahr um Jahr ein Prozent Leser zum Internet ab. Ein langsamer Erdrutsch, doch ein gewaltiger. Die beliebtesten Internet-Medien – Fefe und Telepolis, TAZ, Bild Blog und Wired – werden ebenso meinungsbildend wie Bild, FAZ und Sűddeutsche, Welt und Tagesspiegel.

Damit ändert sich die politische Grundorientierung eines Landes. Marksteine werden verschoben, eherne Werte bezweifelt, Traditionen gekippt. Wo Journalisten sich nicht trauen, werden Blogger zuschlagen. Von den Zeitungen belächelte Verschwörungstheorien műssen ernst genommen werden und beeinflussen Politik und Wirtschaft, wie Umfragen zur Űberraschung der Politiker und Medien enthűllen.

Damit ändert sich auch das Wählerverhalten. Parteien und Politiker, die im Internet unbeliebt sind, werden zunehmend leiden und irgendwann der Fűnf-Prozent-Klausel anheim fallen. Politiker, die sich gar rűhmen, einen Computer weder zu besitzen, noch bedienen zu können, erklären sich unaufgefordert zu Gruftis. Andererseits ist simsen und twittern zu können noch keine hinreichende Qualifikation fűr Jugendverträglichkeit.

Ein neues Gleichgewicht?

In den USA hat das Internet die Druckpresse schon seit geraumer Zeit als wichtigste Informationsquelle abgelöst. Es bahnt sich ein neues Gleichgewicht der Medien an: Das Internet als Grundversorgung in jedem Haushalt, dazu Boulevard- und Lokalblätter gratis oder im Supermarkt und ein paar seriöse Zeitungen und Magazine als Nischenprodukte fűr Intellektuelle und professionelle Leser. Dazu weiterhin Fernsehen und Radio, wenn auch mit abnehmender Tendenz, dafür mit immer breiterer Senderauswahl.

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—— Benedikt Brenner